synaix Newsletter Ausgabe 01/2012 vom 12.01.2012
Früher gab es nicht nur den halben Fernsehtag lang das Testbild zu sehen, es wurde auch nur auf drei Kanälen gesendet. Dann waren es plötzlich etwa 10 Sender. Und heute können wir über Kabel oder Satellit mehrere Dutzend Sender empfangen. Aber: wir schauen uns immer weniger auf diesen Kanälen an. Das inzwischen überall verfügbare Internet mit seinen zahlreichen Informationen, Videoportalen und onDemand- Services wetteifert mit dem herkömmlichen Fernsehen um die Gunst der Betrachter.
Youtubes Chef für Content-Partnerschaften Robert Kyncl hat nun einen revolutionären Ansatz über die Zukunft des Fernsehens präsentiert, den John Seabrook ausführlich im aktuellen Magazin The New Yorker beschreibt. Kyncl sieht die Zukunft des Fernsehens auf Youtube mit zahllosen Kanälen, die die verschiedensten Nischen bedienen und die Zuschauer mit dem gewünschten Content begeistern. Was zunächst so ungewöhnlich anmutet, basiert auf der Erkenntnis, dass selbst beliebte Serien heute nur noch einen Bruchteil der Zuschauer für sich verbuchen können, die früher üblich waren. Damit wird Massenwerbung heute hinfällig - sieht man von den Traumquoten anlässlich sportlicher Großereignisse einmal ab, zu denen im Deutschen Fernsehen regelmäßig die Top-Spiele einer Fußballweltmeisterschaft gehören, und bei denen die Preise für Werbung entsprechend explodieren.
Kyncl argumentiert, ein Nischenkanal benötige gar kein 24 Stunden- Programm, da das Angebot via Internet ja onDemand abgerufen werde. Daher reichten ein paar Stunden Programm pro Woche. Als Bespiel führt er das Fehlen eines Reitsport- Kanals im derzeitigen Fernsehangebot an, obwohl es sowohl zahlreiche Fans der Sportart gebe als auch ebenso viele Werbetreibende in dem Bereich. Aber die Kosten für ein 24 Stunden Programm und das Satelliten-Signal seien einfach so hoch, dass sich ein solcher Nischen- Kanal nicht lohne. Und genau das sei im Internet anders.
Youtube ist nicht mehr die Plattform für einfache und körnige Videos. Youtube- Nutzer wollen Content, und sie nutzen die Seite regelmäßig. Aber: sie verbringen täglich nur etwa 15 Minuten bei Youtube, während ein US- Amerikaner durchschnittlich vier bis fünf Stunden am Tag vor dem Fernseher sitzt. Dabei ist Youtube derzeit gegenüber den Video- und Streaming- Portalen wie Hulu und Netflix aufgrund der kurzen Verweildauer im Nachteil. Und den rund 60 Milliarden US Dollar Ausgaben für Werbung im TV stehen nur etwa 3 Milliarden im Bereich Online- Video gegenüber.
Die Verweildauer will Kyncl nun mit den "Youtube Oiriginal Channels" verlängern. Derzeit arbeiten zahlreiche namhafte Produzenten an über 100 Channels, mit dabei sind u.a. Madonna und CSI-Macher Anthony E. Zuiker. Seit Anfang 2011 führt Kyncl Gespräche und Verhandlungen mit Produzenten aus den verschiedenen Medienbereichen und bringt ihnen seine Ideen nahe. Er bietet Ihnen einige Millionen US-Dollar als Vorschussfinanzierung. Wenn ein Youtube Original Channel den Vorschuss eingespielt hat, werden die weiteren Werbeeinnahmen mit den Produzenten geteilt. Inhaltlich haben die Produzenten alle Freiheiten - sie sollen aber jede Woche eine bestimmte Stundenanzahl Programm für ihren Themen- Channel bereitstellen.
Youtube behält für ein Jahr die exklusiven Rechte an den Inhalten, die Videos bleiben Eigentum der Produzenten. Youtube vermarktet die Werbeplätze in den Videos, bewirbt aber nicht die Inhalte der Channels, wie dies bei Fernsehsendern etwa mit Premierenpartys etc. üblich ist. Die ersten Youtube Original Channels sollen bereits in den nächsten sechs Monaten online gehen.
Wir denken, dass Youtube mit diesem Nischen- Modell Erfolg haben wird. Als Google- Tochter verfügt das Unternehmen über eine horizontale Integration und ist hinsichtlich der Platzierung von Werbung gegenüber anderen Anbietern im Vorteil. Wir sind gespannt, was wir ab Sommer zu sehen bekommen werden!