synaix Newsletter Ausgabe 10/2009 vom 01.10.2009
Heiß diskutiert und mehrmals verschoben: Am 1. Oktober beginnt der offizielle Rollout für die Elektronische Gesundheitskarte (eGK) in der Region Nordrhein. Über 100.000 gesetzlich Versicherte sollen die multifunktionalen Plastikkärtchen bis Ende dieses Jahres erhalten haben, bis Ende 2010 sollen sie an alle 70 Millionen Kassenpatienten verteilt sein.
Die jetzt ausgelieferte eGK stellt aus technischer Sicht das Release 0 dar: eine Karte, die im Offline-Modus von den Lesegeräten ausgelesen wird und bei der die Daten in einem ungeschützten Bereich gespeichert sind. Bis zum geplanten Start der Online-Anbindung im Sommer 2011 und damit dem Beginn der eigentlichen Gesundheitstelematik ist es noch ein weiter Weg.
Auch nach ausgiebigen Testphasen und einem um vier Jahre verzögerten Start klaffen die Positionen von Befürwortern und Gegnern des Milliardenprojekts weit auseinander. Und der Nachwahlkampf bietet den verschiedenen Verbänden das geeignete Forum, um ihre Positionen noch einmal vorzutragen.
So sieht der Präsident der Freien Ärzteschaft, Martin Grauduszus, die FDP und ihren Vorsitzenden Guido Westerwelle "in der absoluten Pflicht, ihre in der Vergangenheit mehrfach dokumentierte Ablehnung dieses gigantischen Daten-Monstrums jetzt in praktische Regierungspolitik umzusetzen". Ärzte und Datenschützer, die sich gegen die Neuerung wehren, führen als Argumente die unverhältnismäßig hohen Kosten, technische Probleme und den Zugriff Außenstehender auf die ebenso gebündelte wie intime Patienteninformation an.
Über den winzigen Chip des Patientenausweises können und sollen zukünftig ganze Krankengeschichten dokumentiert werden. Diese befinden sich allerdings dann nicht auf der Karte selber, sondern auf zentralen Servern, für die der Patientenausweis als eine Art Schlüssel fungiert. Ärzte und Apotheker benötigen dafür das Plazet des Patienten - und seine PIN. Bislang handelt es sich bei dieser Online-Funktion jedoch nur um eine Option. Den Kassen geht es zunächst darum, ein Mittel gegen Betrügereien mit abgelaufenen oder fremden Versichertenkarten zu haben. Allein durch das Bild auf dem neuen Ausweis erhoffen sie sich Einsparungen von einer Milliarde Euro im Jahr.
Doch wirklich lohnend macht die Rieseninvestition von etwa 5,4 Milliarden Euro erst der aktivierbare Mikrochip. Damit lassen sich Laborbefunde, Röntgenbilder und Therapieberichte speichern, und sogar ein Überblick über verordnete Medikamente wäre möglich. Davon könnten viele Patienten profitieren: Experten zufolge verursachen Arzneiunverträglichkeiten hierzulande pro Jahr 16 000 Todes- und 120 000 schwere Nebenwirkungsfälle. Neben der Vermeidung von unnötigen Doppeltherapien stehen die Daten auch bei einem Arztwechsel zur Verfügung.
Der BITKOM (Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien e.V.) betont, der Umgang mit den Patientendaten werde so sicherer als beim bisher üblichen Austausch per E-mail und Fax. Jetzt erhalte endlich der Versicherte die Hoheit über seine Daten, die die Mediziner die Akten nur mit seiner Freigabe einsehen könnten. Und gerade in punkto Datenschutz und Datensicherheit sei die deutsche eGK ähnlichen Projekten in anderen Ländern weit voraus. Daher fordert der BITKOM die kommende Bundesregierung auf, die Gesundheitskarte konsequent einzuführen und Mehrwertdiensten wie der elektronischen Patientenakte den Weg zu ebnen.
Sinnvoll sind die Karten allerdings nur, wenn die Leistungserbringer mitziehen. In der Startregion Niederrhein hatten Ende September noch nicht einmal 40 Prozent der Ärzte das passende Lesegerät – obwohl sie dafür einen stattlichen Zuschuss erhalten. Und Privatversicherer haben sich bereits ausgeklinkt, da ihnen die Investition von mehr als 360 Millionen Euro für die immer noch heftig umstrittene Karte zu riskant ist. - Wir sind gespannt, wie es weitergeht!