Ray Ozzie: Der stille Nachfolger von Bill Gates

synaix Newsletter Ausgabe 12 / 2008 vom 03.12.2008

Bill Gates wußte sich in Szene zu setzen. Neuigkeiten von Microsoft pflegte der Visionär Show- gleich anzukündigen und beschwor zugleich das Feindbild der Konkurrenz. Sein Nachfolger als Microsoft Chief Software Architect ist seit Juni 2006 Ray Ozzie. Der ist ein eher ruhiger Vertreter, der es im im Grunde hasst, vor einer Menschenmenge zu sprechen, wie er dem Magazin Wired gegenüber einräumte, das gerade einen ausführlichen Bericht über ihn veröffentlicht hat.

Ozzie soll nach dem Weggang von Gates das Unternehmen Microsoft repräsentieren und für gewinnbringende Techniken sorgen. Der Großteil von Microsofts Umsatz stammt immer noch aus den Geschäften mit Windows und Office - und das Geschäftsmodell mit vorinstallierter Software bzw. Software aus der Box gilt inzwischen als veraltet. Bei den zukunftsträchtigen Themen wie Software as a Service (SaaS), mobile Betriebssysteme oder Virtualisierung dagegen hinkt Microsoft hinterher. Zudem hat sich Vista als Betriebssystem als ziemlicher Ladenhüter erwiesen. Microsoft braucht dringend positive Schlagzeilen.

Kein Wunder, dass viele Microsoft- Beobachter sich schwer tun mit einem CSA, der sich auf den halbjährlich stattfindenden Konferenzen bislang im Hintergund hielt mit der Begründung, er warte, bis er etwas wirklich Großes vorzuzeigen hätte. Bill Gates jedoch wollte Ray Ozzie um jeden Preis holen. Er selbst bezeichnete ihn als einen der fünf weltbesten Programmierer.

Mit dem Lotus Notes- Vorläufer Symphonie schrieb Ray Ozzie eine der ersten Collaboration-Anwendungen. Nachdem IBM Lotus 1995 kaufte, leitete er die IBM-Notes-Abteilung. Doch schon 1997 verließ er IBM und gründete den Collaboration-Anbieter Groove Networks. Im März 2005 kaufte Microsoft Groove, und Ozzie wurde einer von drei Microsoft Chief Technical Officers. Schon im November 2005 machte Ozzie auf die Schwächen in Microsofts Geschäftsmodell aufmerksam. In seinem Memo schrieb er, man habe Trends verschlafen. Vor allem beim Thema Internet und Online-Dienste müsse man die Kurve kriegen, denn sonst "ist unser Business, wie wir es heute kennen, in Gefahr".

Bill Gates stellte sich hinter das Ozzie-Memo. Im Juni 2006 übernahm Ozzie die Rolle des Chief Software Architect von Gates und erhielt damit die Chance, seine Kritik in Produkte umzuwandeln. Ende Oktober 2008 sprach Ozzie erstmals auf der "Professional Developers Conference" (PDC) in Los Angeles und stellte die neuen Produkte persönlich vor. Besondere Hoffnungen setzt er auf das Cloud-Computing-Betriebssystem Azure und die webbasierte Version von Office 14. Zudem wird der Ladenhüter Vista durch Windows 7 ersetzt.

Auch wenn der 53-jährige Reden vor großem Publikum nicht schätzt - von Nervosität keine Spur als er dem Auditorium zum "Kennenlernen" im Stil der 140-Zeichen Twitter- Nachrichten berichtet, was ihn als Person antreibt. Erstens: "Ich liebe Software. Wenn man sich etwas vorstellen kann, kann man es bauen." Zweitens: "Ich liebe Windows. Ohne Windows würde es keinen PC und auch keine PC-Entwickler geben. Vielleicht würde es auch kein Web geben." Drittens: "Ich liebe das Web, weil es überall neue Verbindungen eröffnet." Und abschließend: "Ich liebe den Wettbewerb. Wenn wir hinter einem Wettbewerber zurückliegen, hasse ich es, dessen Rücklichter zu sehen."

Ozzie sieht den Konzern erst am Anfang seiner Wende. Wichtig ist ihm, dass sich die Mitarbeiter nicht mehr mit äußeren Feindbildern beschäftigen, sondern ihre Aufmerksamkeit nach innen richten und innovative Produkte entwickeln. Ray Ozzie will das größte Software-Unternehmen – mit 90.000 Mitarbeitern und einem Umsatz von 60 Milliarden Dollar – wieder nach oben bringen. Der Antrieb dahinter heißt für ihn Collaboration - seit über 30 Jahren.

loadingÜberprüfung Benutzerdaten
Einen Moment bitte ...